Die Frage kommt meistens beiläufig, oft von jemandem, der sich selbst schon eine Antwort zurechtgelegt hat und nur noch prüfen will, auf welcher Seite man steht. Bin ich stolz, Deutsche zu sein? Kurze Antwort: Nein. Und bevor jetzt die eine Hälfte der Leserschaft die Zeitung faltet und die andere applaudiert - beide haben noch nicht verstanden, was ich gesagt habe. Setzen Sie sich, das dauert nur einen Moment.

Stolz ist kein Gefühl, das man einfach so trägt wie eine Jacke. Stolz ist Hochachtung vor sich selbst, Zufriedenheit über eine eigene Leistung, eine eigene Eigenschaft, eine Zugehörigkeit, für die man sich irgendwann entschieden hat. Das Entscheidende dabei ist das Wort "eigen". Und jetzt schauen wir uns mal an, was daran an meiner deutschen Staatsangehörigkeit eigen ist. Ich wurde in Deutschland geboren. Das war keine Entscheidung von mir. Ich habe nicht morgens im Kreißsaal die Lage sondiert und gesagt: gute Infrastruktur, stabiler Föderalismus, ich bleib. Das war Zufall mit Geburtsurkunde.

Man könnte jetzt sagen, gut, dann eben nicht auf die Staatsangehörigkeit, sondern darauf, dass die eigene Familie seit Generationen hier lebt. Auch das trägt nicht, und zwar aus genau demselben Grund. Für die Entscheidungen meiner Vorfahren kann ich genauso wenig etwas, wie ich etwas für meine eigene Geburt kann. Ich müsste stolz sein auf Menschen, die ich nie kennengelernt habe, für Entscheidungen, an denen ich nicht beteiligt war, in einem Land, das ich mir nicht ausgesucht habe. Das ist kein Stolz. Das ist eine Verwechslung von Herkunft mit Leistung, und diese Verwechslung hat schon ganz anderen Ländern ziemlich viel Ärger eingebracht.

Ich sage Ihnen, worauf ich stattdessen stolz bin, und dann merken Sie vielleicht, wo der Unterschied liegt. Ich bin stolz auf meine Vorfahren - nicht, weil sie hier lebten, sondern weil sie genug von ihrer Kultur bewahrt haben, dass ich sie heute noch kennenlernen kann. Das war eine Leistung, eine aktive, gegen den Strom der Zeit gerichtete Entscheidung, etwas nicht verschwinden zu lassen. Ich bin stolz darauf, dass ich einen rechtswissenschaftlichen Abschluss erwerbe, obwohl meine Eltern beide kein abgeschlossenes Studium haben - das ist meine Arbeit, mein Weg, meine Entscheidung, jeden Abend nach der Arbeit noch Skripte zu lesen. Ich bin stolz darauf, dass ich in sozialen Medien, auch an schlechten Tagen, meistens sachlich bleibe, wenn andere längst persönlich werden. Und ich bin stolz darauf, dass ich mich politisch einmische, dass meine Stimme, meine Texte, meine Eingaben tatsächlich etwas bewegen in einem Land, das ich liebe. Sehen Sie den Unterschied? Bei jedem einzelnen Punkt gibt es ein Verb, das ich selbst ausgeführt habe. Bewahrt. Erworben. Geblieben. Eingemischt. Bei der Staatsangehörigkeit gibt es kein Verb für mich. Da steht nur: erhalten.

Bin ich also gleichgültig gegenüber diesem Land? Im Gegenteil, und genau hier wird es interessant, weil jetzt zwei Begriffe ins Spiel kommen, die ständig verwechselt werden, mit ungefähr derselben Sorgfalt wie "seit" und "seid". Patriotismus ist die emotionale Verbundenheit mit dem eigenen Land, ohne Feindseligkeit gegenüber anderen. Wer sich für die Zukunft dieses Landes einsetzt, ist per Definition patriotisch, ich eingeschlossen, und zwar ziemlich eindeutig. Nationalismus dagegen braucht ein Gegenüber, das kleiner gemacht wird, damit man selbst größer wirkt. Bemerkenswert dabei: Selbst überzeugte Nationalisten wollen in aller Regel nicht mit den historisch bekannten Nationalisten in einem Satz genannt werden. Sie kennen das Label, sie meiden nur den Blick in den Spiegel.

Und dann ist da noch etwas Drittes, das gerne mit den ersten beiden verwechselt wird: Heimat. Ich bin nicht aus Zwang dort, wo ich wohne. Ich liebe die Seen hier, die Wälder, die Weite der Felder der Landwirte nebenan, das Geschrei der Möwen, diesen speziellen Geruch, den nur Küstenluft hat und den man nirgendwo künstlich nachbauen kann, so sehr sich Duftkerzen-Hersteller auch bemühen. Das alles gibt mir das Gefühl von Zuhause. Aber auch das ist kein Stolz. Das ist Zuneigung zu einem Ort, keine Leistungsschau.

Am Ende bleibt also: kein Stolz auf die Staatsangehörigkeit, dafür Patriotismus, dafür Heimatliebe, und ein sehr genauer Blick darauf, welches dieser drei Wörter ich eigentlich meine, wenn ich es benutze. Denn "stolz, Deutscher zu sein" ist meistens gar keine Aussage über das Land. Es ist eine Aussage darüber, dass jemand Herkunft mit Verdienst verwechselt - und diese Verwechslung ist, wenn man ehrlich ist, das Einzige an der ganzen Sache, das tatsächlich schneller da war als die eigene Steuernummer.