Entgegen des sehr verbreiteten Mythos, dass meine Berufsgruppe es nicht so mit Zahlen und Mathematik hat, möchte ich hier ein Geständnis ablegen. Ich mag Mathematik. Es war sogar einer meiner Lieblingskurse damals in der Schule. Mathematik ist einfach fantastisch: Zahlen sind stur, unbestechlich und glasklar. Drei Äpfel sind drei Äpfel. 38 Grad sind 38 Grad.

Das Problem beginnt an einer anderen Stelle. An der Stelle, bei der Menschen versuchen, mit Zahlen irgendwas zu beschreiben und andere Menschen diese Interpretation dann als absolute Wahrheiten betrachten, weil Zahlen ja bekanntlich stur, unbestechlich und glasklar sind. Dazu gab es mal einen herrlichen Science Slam von Leo Warnow - Statistik - wenn Zahlen lügen. Empfehlenswert, sollte man gesehen haben. Aber bitte lest erst weiter. Hier steckt Mühe drin.

Die erste universelle Wahrheit leiten einige Menschen - gerade aus der sogenannten Fitness-Bubble - gerne aus dem BMI ab, also Gewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat. Das ist mathematisch nicht wirklich herausfordernd, gerade für einen Taschenrechner. Aber was machen die Leute aus dieser sehr einfach bestimmbaren Zahl? Richtig wäre eigentlich, die Zahl zu betrachten und zu überlegen: Was bedeutet diese Zahl nun genau? Was beeinflusst sie? Wo sollte man eventuell mal genauer hingucken? Aber diesen Part, den Part mit der Analyse, überspringen die meisten Menschen komplett und leiten aus der Zahl unmittelbar eine Charaktereigenschaft ab.

Aus einem Wert wie 27 wird schnell "übergewichtig" und zu viele Menschen lassen den Gedanken sogleich weiterwandern: Aus "übergewichtig" wird "ungesund", aus "ungesund" wird "undiszipliniert", und am Ende hat man aus einer einfachen "27" das gedankliche Bild von Kirby im Kopf... dieser kleinen lebendigen pinken Kugel, die den gesamten Tisch mit einmal tief einatmen auffuttert... und das auf Basis dessen, dass wir zwei statistische Werte in Relation gesetzt haben.

Aber was sagt dieser Wert tatsächlich über einen Menschen aus? Der Erfinder Adolphe Quetelet, ein Astronom und Statistiker, wies explizit darauf hin, dass diese Relation nur zur Beschreibung von Bevölkerungsgruppen taugt, nicht für das Individuum. Dieser Einschätzung zufolge sagt der BMI tatsächlich gar nichts über das Individuum aus. Klingt erst mal logisch: Ein muskulöser Athlet und ein schwerstkranker Mensch können haargenau denselben BMI aufweisen. Man könnte nun auch über die Körpergröße noch argumentieren, die durch die Quadrierung einen völlig anderen Einfluss auf den BMI hat als das Gewicht - aber kommen wir zurück zur Frage: Der BMI kann über den Menschen gar nichts aussagen. Er kann allerdings ganz grob eine Ersteinschätzung geben, ob dieser Mensch in dem Normbereich liegt. Mehr nicht. Aber wir kleben sie trotzdem auf den einzelnen Körper und tun so, als wäre sie ein Diagnosespiegel der Seele. Passt schon, steht ja schließlich eine Zahl drüber.

Ähnliches Spiel betreiben einige auch beim Körperfettanteil. Nur, dass diese Zahl ohne Interpretation noch weniger Aussagekraft hat. So liegt der gesunde Körperfettanteil für eine männliche Person grob zwischen 10% und 20% - für eine weibliche Person grob zwischen 18% und 28%. Auch spielt das Alter hier eine große Rolle - oder eben auch: Wie viel Muskelmasse ist eigentlich im Körper vorhanden? Für alle Menschen, die ihren Körperfettanteil senken wollen also ein simpler Rat: Da dieser Wert nur misst, wie viel von eurem Körper Fett ist, müsst ihr nur andere Teile erhöhen, um diesen zu senken... beispielsweise mehr trinken und damit den Wasseranteil erhöhen.


Aber diese Zahlen sind noch harmlos gegen das, was wir als Gesellschaft beim Verstand veranstalten. Und ja, ich rede vom IQ. Und da Kritik am IQ immer gerne abgebügelt wird mit der Phrase, dass der IQ nur von Leuten mit niedrigem IQ kritisiert würde: Mein eigener gemessener IQ liegt bei 176. Das ist ein Wert, bei dem manche Mensa-Anwärter vermutlich in ehrfürchtige Schnappatmung verfallen würden. Und wisst ihr, was diese Zahl über meine tatsächliche Intelligenz aussagt? Rein gar nichts. Ich hätte sie auch nicht erwähnt, wenn nicht einige IQ-Gläubige ihre Bereitschaft zum Zuhören von dieser Zahl abhängig machen würden.

Was diese Zahl tatsächlich schafft: Sie sagt aus, wie gut ich darin bin, eine bestimmte Art von Tests zu absolvieren. Und leider ist das schon das gesamte Geheimnis hinter diesen vermeintlichen Elite-Clubs. Ein simpel exerzierter Dressur-Akt. Wer Mitglied in diesen Clubs werden möchte, braucht gar nicht auf eine mystische, angeborene Genialität zu hoffen. Es reicht, wenn man stumpf deren Tests übt. Man dreht Matrizen, vervollständigt Zahlenreihen und faltet im Kopf geometrische Formen, bis der eigene Kopf die Muster blind erkennt. Wer auch nur durchschnittlich begabt ist - und einen Funken Lernfähigkeit mitbringt -, bekommt am Ende die Hochbegabung bescheinigt. Der IQ misst nicht Ihre Weisheit, Ihre Empathie oder Ihre Alltagstauglichkeit - er misst, wie gut Sie künstliche Systeme bedienen können. Es ist Vokabellernen auf logischer Ebene.

Lasst mich heute einen Vokabeltest auf Mandarin ablegen und ich verspreche euch, ich werde krachend scheitern. Aber lasst mich den gleichen Test noch mal ablegen, nachdem ich ein Jahr lang jeden Tag für mehrere Stunden Mandarin gelernt habe. Zwischen den Ergebnissen werden Welten liegen - versprochen.

Und wie absurd dieses gesamte Konstrukt ist, zeigt das Beispiel von Marilyn vos Savant. In den 80ern galt sie als der intelligenteste Mensch der Welt. Stand sogar mit einem IQ von über 220 im Guinness-Buch der Rekorde … bis man das Testverfahren verändert hat. Dann pendelte ihr IQ-Wert sich bei etwa 180 Punkten ein. Sie ist also über Nacht ziemlich genau so begabt darin geworden, Matrizen zu drehen, Zahlenreihen zu vervollständigen und geometrische Formen gedanklich zu falten wie ich …

Nun geben sich Ironie und Zynismus die Hand: Nach gängiger klinischer Klassifizierung ist eine Differenz von 40 Punkten der Unterschied zwischen dem Durchschnittsmenschen und einer fortgeschrittenen geistigen Behinderung. Wenn wir der reinen Zahlengläubigkeit folgen, müsste Marilyn vos Savant also über Nacht eine neurologische Kernschmelze erlitten haben, während sie in Wahrheit völlig unverändert an ihrem Schreibtisch saß und Kolumnen schrieb. Ihr Gehirn war allerdings exakt dasselbe - und wenn ich ihre Kolumnen aus der fraglichen Zeit so anschaue, sehe ich keine fortgeschrittene kognitive Degeneration.

Aber weil uns diese Absurdität noch nicht genug war, haben wir gleich noch eine weitere Zahl erfunden, deren Absurdität alles bisher Genannte noch in den Schatten stellt: Der EQ - die emotionale Intelligenz als Zahl. Wisst ihr, wie der gemessen wird? Wir legen Menschen Fragebögen vor, in denen sie rationalisieren dürfen, wie sie subjektiv gerne handeln würden, und jagen diese Selbstauskunft durch die subjektive Schablone des Testentwicklers. Und ähnlich dem Grundsatz „Minus mal Minus ergibt Plus“ hat man sich hier dann entschieden, aus zwei völlig subjektiven Ebenen eine objektive Zahl bestimmen zu wollen - praktisch als Ergebnis des Seelen-TÜV.

Dieses Phänomen verfolgen wir aber nicht nur bei Erwachsenen. Bereits unseren Kindern trainieren wir diesen ungesunden Zahlenaberglauben an - und das mit bürokratischer Gründlichkeit und Stempel.

„Sie hat eine Zwei in Mathematik!“ - doch was sagt uns das? Zunächst einmal nichts über das Kind. Es sagt nicht, dass sie besser in Mathematik ist als der Sitznachbar mit einer Drei. Es sagt nicht einmal aus, dass ihre Leistung in diesem Test genauso gut war wie die Leistung eines anderen Kindes mit einer Zwei. Diese Zahl sagt nur aus, dass eine bestimmte Person diese Leistung an einem bestimmten Mittwochmorgen unter einem hochgradig subjektiven Bewertungssystem eben so eingeordnet hat. Für einen anderen Lehrer wäre die gleiche Leistung womöglich eine Eins gewesen - für wieder einen anderen womöglich eine Drei.

Und dennoch kleben wir anschließend eine Note auf das Zeugnis und tun so, als wäre das nun eine allgemeingültige Bescheinigung darüber, ob dieses Kind mathematisch begabt oder unbegabt ist. Dass dies nicht unbedingt haltbar ist, möchte ich mit einer Anekdote verdeutlichen:

Biologie war niemals mein Fach. Ich stand konsequent auf einer Drei - und glaubt mir, wenn ich sage: Die war berechtigt und noch hart erkämpft. Eines Nachmittags hat sich meine Note aber schlagartig verändert - nicht weil ich besser geworden wäre, sondern weil meine Schulfreunde und ich unsere Lehrerin auf dem Weg zum Bus gesehen und sie freundlich gegrüßt haben - waren ja gut erzogen. Und das wurde honoriert: Schon die nächste Note war eine Eins … und die habe ich bei dieser Lehrerin konsequent beibehalten. Meine gute Erziehung führte also zu einer drastisch besseren Note - oder es lag daran, dass wir sie grüßten, als sie gerade hinter der Schule mit einem Schüler aus der Oberstufe knutschte. Wer weiß.

Diese Noten entscheiden dann bei den meisten von uns übrigens über die nächste Zahl, die gerne zum Charaktermerkmal stilisiert wird - nämlich das Einkommen. Eigentlich bedeutet das Einkommen nur, wie ein bestimmter Markt eine bestimmte Arbeitsleistung vergütet … und dass das weder etwas über die Leistung noch über den Wert der Arbeit aussagt, merkt man insbesondere durch den Vergleich von Einkommen und den Berufen dahinter.

Ein Müllwerker schuftet bei 45 °C im Sommer körperlich schwer und sorgt aktiv dafür, dass die Stadt nicht in Seuchen versinkt - und geht dafür mit einer Vergütung nach Hause, die für kaum mehr reicht als die Miete. Gleichzeitig bekommt jemand das Dreifache dafür, dass er einfach nur stolz und voller Selbstvertrauen einem CEO erklärt, wie dieser denn sein Unternehmen führen sollte, das er nicht einmal besitzt … und meiner bescheidenen Meinung nach in der Regel auch nicht besitzen sollte. Viele dieser Berater überbewerten nämlich gerne Zahlen, weil sie den Bezug zur Realität ignorieren.

Die Zahl auf dem Gehaltszettel sagt uns ziemlich zuverlässig, wie viel Geld wir regelmäßig auf dem Konto eingehen sehen dürften. Sie sagt uns aber nicht einen Mikrometer weit, wie viel Wert dieser Mensch oder seine Arbeit für die Gesellschaft besitzt. Und trotzdem behandelt die Gesellschaft das Einkommen regelmäßig exakt so. Der eine ist Leistungsträger, der andere „Geringverdiener“ - und je geringer das Einkommen, desto geringer scheint bei einigen Menschen die Wertschätzung für den Menschen zu sein. Wir behaupten gerne stolz, der Markt würde den Wert von Arbeit bestimmen. Das ist Unsinn. Der Markt bestimmt Preise. Wenn wir den Preis einer Arbeit mit dem Wert eines Menschen verwechseln, haben wir nicht die Ökonomie verstanden, sondern jeglichen Anstand verloren.

Und mal unter uns: Viele Berufe im sogenannten Niedriglohnsektor sind Arbeiten, bei denen ich sehr froh bin, dass andere sie machen, während ich im Büro sitze und gemütlich Kaffee trinke. Würde der Wert der Arbeit eine Rolle beim Einkommen spielen, würden vermutlich etliche Juristen und Politiker panisch schwitzen und noch mal ihren Beitrag zur Wertschöpfungskette reflektieren, während Pflegekräfte, Lehrer und alle anderen Teile unserer kritischen Infrastruktur aufatmen würden.

Ich könnte nun etliche weitere Zahlen als Beispiel aufführen – aber ich glaube, dass langsam deutlich wird, was an all diesen Zahlen ver-messen ist: Wir messen etwas – und behaupten anschließend, den Menschen gemessen zu haben.

Ich habe nichts gegen Zahlen. Im Gegenteil – sie sind wunderbar, wenn man sie dort verwendet, wo sie hingehören. Eine Zahl kann einen Sachverhalt präzisieren, Vergleiche ermöglichen und Entwicklungen sichtbar machen, wenn man die Zahl nicht als Wahrheit begreift, sondern als einen Wert, den man erst noch interpretieren muss. Sie dient dazu, Dinge zu rationalisieren, bei denen wir sonst gerne zu subjektiver Selbsttäuschung neigen.

Aber eine Zahl kann keinen Menschen oder seinen Charakter ersetzen. Wir halten in unserer modernen Zahlengläubigkeit Präzision für Genauigkeit und Genauigkeit für Wahrheit. Das ist ein fataler Denkfehler. Eine Zahl kann auf die dritte Nachkommastelle exakt berechnet sein und trotzdem eine völlig andere Frage beantworten.

Ein Mensch ist mehr als das, was man durch ein Testverfahren oder eine Tabelle jagen kann. Und ich würde gerne in einer Welt leben, in der wir diesen Unterschied wieder begreifen.