Ich muss Ihnen was gestehen. Bleiben Sie ruhig sitzen, ich hab das im Griff. Ich bin rechtskonservativ. Ich sag das so beiläufig, wie man beim Arzt erwähnt, dass man seit drei Wochen ein Klingeln im Ohr hat - man weiß, jetzt wird's ein Gespräch. Und weil wir schon dabei sind, lege ich noch eins drauf: Mein Vater war Kreisvorstand der Linken. Merken Sie sich das. Das kommt am Ende wieder, und zwar als Beweisstück, nicht als Anekdote.

Die eine Hälfte von Ihnen hat jetzt den Puls eines Kolibris, die andere Hälfte will mich adoptieren, und beide Hälften haben nicht verstanden, was ich gesagt habe. Macht nichts. Ich hab es auch erst verstanden, nachdem ich ungefähr zehn Jahre drüber nachgedacht hab - die meiste Zeit davon an einem Abendessenstisch, meinem Vater gegenüber. Und damit Sie verstehen, warum an diesem Tisch nie ein Teller geflogen ist, muss ich Ihnen erst mal erklären, was "links" und "rechts" überhaupt bedeuten. Denn das weiß nämlich keiner mehr. Alle benutzen es, keiner weiß es. Wie "Inflation". Oder "Liebe".

Also. Die Links-Rechts-Achse beschreibt keine Gesinnung, keine Frisur, keine Haltung zu Lastenfahrrädern. Sie beschreibt eine einzige Sache: Hierarchie gegen Gleichheit. Je weiter links, desto flacher wird der Laden, bis ganz am Ende die Anarchie steht- keiner bestimmt über keinen, jeder ist sein eigener Chef, sein eigener Richter und sein eigenes Ordnungsamt. Je weiter rechts, desto steiler die Pyramide, bis oben genau einer sitzt, der über alle bestimmt, und die einzige Beschwerdestelle ist er selbst. Das nennt man dann Diktatur, und die Öffnungszeiten der Beschwerdestelle sind: nie.

Das ist die Achse. Mehr ist da nicht. Der Rest ist Zubehör.

"Aber die DDR!", ruft jetzt jemand aus der dritten Reihe, "die war doch links, stand doch drauf!" Ja. Und auf meiner Hose stand "Slim Fit". Wir hatten beide nicht recht. Denn was auf der Verpackung steht, ist vollkommen egal - es zählt, was drin ist. Schauen Sie sich die Struktur der DDR an: Politbüro oben, Stasi in der Mitte, alle anderen unten, und außenrum eine Mauer, damit die Struktur nicht wegläuft. Und wer trotzdem weglaufen wollte, wurde erschossen. Nicht metaphorisch. Erschossen. Ein Staat, der Hierarchie so ernst nimmt, dass er auf die eigene Bevölkerung schießt, wenn sie die Pyramide verlassen will - das ist keine steile Hierarchie mehr, da sind Sie strukturell nicht einfach "rechts". Da sind Sie am rechten Anschlag angekommen und haben noch mal Anlauf genommen. Die Nazis hatten "Sozialismus" im Parteinamen und in der Praxis einen Mann mit Weltvernichtungsfantasien an der Spitze. Strukturell: so weit rechts, wie das Möbelstück Wand hergibt. Etikett ist Marketing. Struktur ist Wahrheit. Wer das verwechselt, glaubt auch, dass in den Hundekeksen hauptsächlich Hunde sind. Steckt ja im Namen. 

Gut, denken Sie jetzt, dann weiß ich ja, wo alle stehen. Nein. Wissen Sie nicht. Denn wo jemand steht, sagt noch nichts darüber, in welche Richtung er läuft. Und dafür gibt es eine zweite Frage, die dauernd mit der ersten verrührt wird, und dann wundern sich alle, warum die Suppe komisch schmeckt: die Zeitrichtung.

Es gibt drei. Progressiv: nach vorne. Reaktionär: nach hinten, zurück zu einem Zustand, der schon mal da war. Und konservativ. Und jetzt passen Sie auf, denn jetzt kommt eine Definition, die so unspektakulär ist, dass sie deswegen keiner benutzt: Konservativ heißt, man behält, was funktioniert, und ändert, was nicht funktioniert. Das war's. Da ist kein doppelter Boden. Ich hab nachgeschaut.

Konservativ ist der Mensch, der sagt: Der Rechtsstaat läuft seit siebzig Jahren stabil, den fassen wir nicht an - aber die Verwaltungsdigitalisierung, also, ich sag mal so: Wenn ich ein Formular ausdrucken muss, um es einzuscannen, um es hochzuladen, damit es am Ende ausgedruckt in einem Ordner landet, dann darf da jemand mit schwerem Gerät durch. Das ist konservativ. Wer dagegen zurück will zu Systemen, die nachweislich gescheitert sind - Führerstaat, Planwirtschaft, vierzehn Jahre Wartezeit auf ein Auto aus Pappe -, der ist nicht konservativ. Der ist Reaktionär. Das ist, als würde man sein Haus abreißen, weil man 1987 mal schön gezeltet hat. Kann man machen. Muss man dann aber auch im Zelt wohnen. Im November. Der Mann ist kein Konservativer. Der Mann ist ein Antikonservativer mit Heimweh nach einem Ort, an dem es ihm nachweislich schlecht ging.

Behalten, was läuft. Ändern, was nicht läuft. Klingt vernünftig, oder? Klingt fast nach - Vorsicht, gleich fällt ein Tabuwort - Mitte. Und schon zucken alle zusammen, weil "Mitte" inzwischen klingt wie eine Diagnose. Dabei ist die Mitte kein Ehrenplatz, den man kriegt, weil man zu allem "na ja, einerseits" sagt, bis der Gesprächspartner innerlich verstorben ist. Die Mitte ist einfach der aktuelle Konsens - das, worauf sich eine Gesellschaft gerade geeinigt hat, so wie man sich in der Familie auf ein Restaurant einigt: keiner ist glücklich, aber alle können hingehen. Und jedes System, das funktioniert, ist ein Mix. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Rechtsstaat selbst, denn der ist beides gleichzeitig: Dass Sie sich überhaupt vor einem Richter verantworten müssen - dass da also jemand über Ihnen sitzt, im Wortsinn, das Podest ist ja extra erhöht -, das ist Hierarchie. Rechts. Dass aber der Millionär und der Obdachlose vor demselben Richter stehen und der Richter beide gleich müde anschaut, das ist Gleichheit. Links. Ein Gerichtssaal ist links und rechts in einem Raum, und deswegen funktioniert er. Und wenn Ihnen das zu abstrakt ist: die Feuerwehr, gleiches Prinzip. Ich möchte keine basisdemokratische Feuerwehr. Ich möchte nicht, dass vor meinem brennenden Haus erst ein Stuhlkreis gebildet wird. Ich möchte, dass einer "Wasser marsch" ruft und die anderen das machen - aber ich möchte auch, dass sie bei jedem Haus löschen, egal wem es gehört. Hierarchie im Einsatz, Gleichheit im Auftrag. Da bin ich ganz Pyramide mit Fundament.

Kontextabhängig, nicht dogmatisch. "Immer mehr links" oder "immer mehr rechts" ist keine Politik. Das ist Richtungssturheit. Das ist der Mann im Navi, der seit vierzig Kilometern "bitte wenden" sagt, und keiner hört zu.

Und was passiert eigentlich, wenn man nicht wendet? Wenn man einfach immer weiterfährt, links oder rechts, immer weiter, bis zum Anschlag? Die Hufeisentheorie behauptet: Dann nähern sich die Extreme an, berühren sich aber nicht ganz. Hübsche Theorie. Hat nur einen Fehler, nämlich den, dass sie falsch ist. Es ist kein Hufeisen. Es ist ein Kreis, und wer lange genug in eine Richtung fährt, kommt hinten wieder raus. Denken Sie es einmal zu Ende, das dauert eine halbe Minute, ich warte hier. Totale Anarchie: keine Regeln, kein Staat, keine Institutionen. Was passiert? Der Kräftigste nimmt sich, was er will, weil ihn niemand hindert. Das ist Darwinismus. Und jetzt die andere Seite: Was ist das Endprodukt totaler Hierarchie? Der Kräftigste sitzt oben und nimmt sich, was er will, weil ihn niemand hindern darf. Sehen Sie's? Zwei Wanderwege, ein Parkplatz. Die extreme Linke schafft alle Regeln ab und landet beim Recht des Stärkeren. Die extreme Rechte erklärt den Stärkeren zur Regel und landet beim Recht des Stärkeren. Und dann stehen die beiden da am selben Ort und gucken, wie zwei Leute, die auf einer Party feststellen, dass sie mit demselben Menschen verheiratet sind.

Jetzt könnte man sagen: Schön, aber ich fahre ja gar nicht bis zum Anschlag. Ich stehe ja nur ein bisschen links. Oder ein bisschen rechts. Das Problem ist: Der Kreis hat keine Leitplanken. Man merkt nicht, wann man abdriftet. Deswegen gibt es einen Test. Der dauert unter einer Minute, kostet nichts, und man braucht dafür kein Studium, keinen Podcast und keinen Thread in siebzehn Teilen. Der geht so:

Wenn du nichts Gutes über die andere Seite sagen kannst, bist du hirngewaschen.
Wenn du nichts Schlechtes über die eigene Seite sagen kannst, bist du hirngewaschen.

Das ist der ganze Test. Ist eigentlich ganz einfach. Und trotzdem rasseln da Leute durch, die von sich behaupten, politisch informiert zu sein. Machen Sie das mal: Fragen Sie so jemanden nach einer Sache - einer einzigen -, die die Gegenseite richtig macht. Und dann schauen Sie ins Gesicht. Da passiert was. Da arbeitet was. Das ist derselbe Gesichtsausdruck wie bei einem Hund, dem man einen Zauberwürfel hinlegt. Denn wer keine einzige gute Sache über die andere Seite findet, behauptet ja im Ernst, dass Millionen von Mitbürgern in ausnahmslos jeder Frage irren. Millionen. In allem. Das ist statistisch ungefähr so plausibel wie sechs Richtige mit Zusatzzahl, nur dass man nichts gewinnt außer Recht in der eigenen Filterblase. Und wer keinen einzigen Fehler der eigenen Seite benennen kann, hält seine Gruppe für unfehlbar. Für Unfehlbarkeit ist aber, Stand heute, ausschließlich der Papst zuständig, und selbst der guckt bei dem Thema inzwischen betreten zu Boden. Beides ist keine Meinung mehr. Beides ist ein Abo. Und das Kündigen haben die Anbieter absichtlich kompliziert gemacht.

Die Anbieter, das sind übrigens die Ränder. Und die haben ein Geschäftsmodell, das so simpel ist, dass man es fast bewundern muss: Sie lassen die Kundschaft von anderen anwerben. Pauschale Feindbilder - "rechts ist immer schlecht", "links ist immer schlecht" - sind Extremistenfutter. Nicht als Metapher. Als Mechanik. Stellen Sie den rechtskonservativen Grundgesetz-Menschen lange genug in dieselbe Ecke wie den Reichsbürger, und irgendwann verteidigt der sich nicht mehr gegen den Reichsbürger, sondern gegen Sie. Werfen Sie die Sozialdemokratin, die für Tarifbindung brennt, in einen Topf mit der Frau, die Stalin für ein Missverständnis hält — gleiche Mechanik, andere Richtung. Wer die demokratische Mitte spaltet, arbeitet für die Ränder. Die Extremisten müssen dafür nichts tun. Die sitzen zu Hause, haben Chips, haben Zeit, und warten, bis die Demokraten miteinander fertig sind. Im Wortsinn. Wer nicht differenziert, ist nicht der Widerstand. Der ist die Vorarbeit. Unbezahlt. Nicht mal Fahrtkosten.

Und jetzt holen wir das Beweisstück vom Anfang wieder raus. Mein Vater, Sie erinnern sich: Kreisvorstand der Linken. Ich: rechtskonservativ, Rechtsstaat, Grundgesetz, bewahren, was läuft, reformieren, was nicht läuft - und dafür regelmäßig von links in die Extremismusecke sortiert, meistens von Leuten, deren Strukturanalyse bei der Parteifarbe endet und dann Feierabend macht. Nach allem, was Sie in den letzten Minuten über politische Lagerbildung gelernt haben, müssten mein Vater und ich uns am Esstisch gegenübersitzen wie zwei Anwälte im Scheidungskrieg. Tun wir aber nicht. Wir sind uns in den wesentlichen Dingen einig. Rechtsstaat. Demokratie. Menschenwürde. Institutionen, die tun, wofür man sie bezahlt. Er kam von links. Ich von rechts. Und wir stehen am selben Ort - nur ist es diesmal nicht der Parkplatz mit dem Darwinismus, sondern die Mitte. Der Kreis geht nämlich in beide Richtungen. Man kann sich unten treffen oder oben. Mehr Auswahl gibt es nicht, und das steht so nirgendwo auf der Karte.

Wenn also ein Linken-Kreisvorstand und seine rechtskonservative Tochter beim Abendessen über das Wesentliche einer Meinung sind - während sich im Internet Menschen mit identischen Grundwerten gegenseitig zu Faschisten und Stalinisten ernennen, mit einer Arbeitsmoral, die man sich für die Verwaltungsdigitalisierung wünschen würde, dann liegt das Problem nicht bei den Menschen. Dann liegt es beim Schema. Und ein Schema, das mehr trennt, als es erklärt, gehört reformiert.

Das wäre dann übrigens konservativ. Aber das hatten wir schon. Sie haben nur nicht zugehört. Ich war ja von der falschen Seite.