Unsere Volksvertreter haben wieder ein neues Feindbild entdeckt: die eigene Bevölkerung. Genauer gesagt jene, die es wagen, nach 45 Beitragsjahren an den Ruhestand zu denken oder im Krankheitsfall das Bett zu hüten. Die "Rente ab 63" - die längst eine Rente ab 65 ist - soll fallen. "Alternativlos" ... versteht sich.
Rechnen wir kurz nach, bevor das Phrasenschwein platzt:
Wer mit 65 Jahren und nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen will, muss spätestens seit seinem 19. Lebensjahr ununterbrochen sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben. Wer studiert hat, war bei dieser Regelung ohnehin nie mitgemeint. Es trifft exakt jene, die nach dem Haupt- oder Realschulabschluss direkt in die Lehre gegangen sind: das Handwerk, die Pflege, die Industrie. Jene Bereiche also, bei denen jeder mit etwas Expertise besorgt die Stirn runzelt, sobald das Wort "Fachkräftemangel" fällt. Die politische Logik dahinter ist faszinierend: Wer früh anpackt und lange durchhält, wird bestraft.
Friedrich Merz verweist derweil gern auf die Schweiz. Dort arbeite man rund 200 Stunden mehr im Jahr als hierzulande. Was er vergisst zu erwähnen: Eine Finanzbuchhalterin im deutschen öffentlichen Dienst - dem vermeintlichen "Schlaraffenland der Nation" - steigt mit ca. 2.300 Euro Netto aus der Geschäftsstelle nach Hause. Schaut man in die Schweiz, auf die so gerne verwiesen wird, bringt dieselbe Qualifikation in der dortigen Wirtschaft netto mehr als das Doppelte auf das Konto. Es ist eben kein genetischer Defekt der Deutschen, nicht "schuften" zu wollen. Es ist schlicht die ökonomische Erkenntnis, dass sich Leistung in einem Hochsteuerland mit stagnierenden Löhnen immer weniger lohnt. Eine Rechnung, die auch das sprichwörtliche Milchmädchen problemlos hinbekommt. Höhere Löhne würden im Übrigen auch den gesamten Zirkelschluss lösen: Wer ordentlich verdient, kann sich astronomische Kitas leisten, Kitas können Erzieher endlich vernünftig bezahlen, und Angehörigenpflege wird wieder zu einer bezahlbaren Dienstleistung statt zur Vollzeit-Falle für Frauen.
Und wer das Glück hat, im Büro zu sitzen, genießt womöglich noch Gleitzeit und Homeoffice. Ein Segen - absolut. Mein Mann hingegen robbt bei 40 Grad im Schatten durch die pralle Sonne und Vogelscheiße, um irgendwelche Dinge dort zu verlegen. Er geht mit nicht einmal 2.000 Euro Netto nach Hause. Ohne automatische Tariferhöhungen. Wenn ihm dann Politiker mit fünfstelligen Diäten erzählen, er müsse bitte länger arbeiten, weil das doch "Spaß machen" müsse und die Work-Life-Balance den Wohlstand gefährde, grenzt das nicht mehr an Realitätsverlust. Es ist - mit Verlaub - Verachtung. Zumal das Erwachen mit 65 bitter bleibt: Wer jahrzehntelang für Hungergehälter gearbeitet hat, landet im Alter bei einer Rente, die schon bei heutigen Mietpreisen keine Rente ist, sondern der direkte Passierschein in die Altersarmut.
Doch die Schikane der Arbeitnehmer in Deutschland hört beim Renteneintritt nicht auf. Geplant sind sachgrundlose Befristungen von bis zu 48 Monaten. Vier Jahre Unsicherheit als Belohnung für Arbeitswilligkeit - welcher junge Mensch soll so noch eine Familie gründen oder ein Leben planen? Dazu gesellt sich das Aus für die telefonische AU und die Attestpflicht ab dem ersten Tag. Wer also mit Migräne oder Magen-Darm flach liegt, darf nicht mehr zu Hause im Bett genesen, sondern muss sich in die ohnehin überlastete Hausarztpraxis schleppen. Die Ironie dabei: Kein Arzt hat Zeit für solche bürokratischen Schikanen. Statt den Patienten nach einem Tag wieder einzubestellen, schreibt er ihn vorsorglich direkt eine ganze Woche krank.
Doch es kommt noch besser: Im überfüllten Wartezimmer sitzt die Migräne-Patientin nun zwischen dem Patienten mit Influenza und dem armen Tropf mit Norovirus. Die medizinische Folge ist eine staatlich verordnete Superinfektion. Die Influenza raubt dem Körper jegliche Energie und verlangt literweise Flüssigkeitszufuhr; der gleichzeitig eingefangene Norovirus sorgt dafür, dass genau diese Flüssigkeit nicht im Körper bleibt und selbst Schlafen zu können zum Luxus verkommt. Wenn das Immunsystem an zwei Fronten kämpfen muss, redet niemand mehr von fünf Tagen Fehlzeit - hier sprechen wir von drei bis fünf Wochen kompletter Arbeitsunfähigkeit inklusive potentiell Notaufnahme. Herzlichen Glückwunsch an die Wirtschaft: Man hat aus einem Tag Migräne erfolgreich einen Monatsausfall gemacht.
Überhaupt zeigt sich hier die schamlose Doppelmoral der Politik: Während die Verwaltung im Namen des „Bürokratieabbaus“ entlastet wird - Ministerien müssen künftig rechtfertigen, wenn sie Berichte fordern, und unbeantwortete Anträge genehmigen sich nach vier Monaten einfach selbst - wird beim Bürger der Generalverdacht fest installiert.
Dass diese vier-Monate-Frist das perfekte Einfallstor für echtes AI-Bombing ist, blendet man, trotz hunderter von Medienberichten über die so bereits vollständig überlasteten Sozialbehörden und Sozialgerichte, getrost aus. Längst lassen Leistungsempfänger einfache Widersprüche von KIs auf hunderte Seiten Juristendeutsch aufblähen, und die ohnehin kaputtgesparten Jobcenter und Sozialgerichte ersticken an den Textbergen, in denen sie versuchen das eine stichhaltige Argument zu finden, das sie im Sinne des Leistungsempfängers auslegen können. Wenn man nun eine vier-monatige Fiktionsgenehmigung obendrauf sattelt, kann man den kompletten öffentlichen Dienst eigentlich direkt einstellen, denn dort wird man das fortan schlicht nicht mehr gestemmt bekommen. Die Regierung könnte dann genauso gut direkt aus dem Bundeshaushalt jedem Bundesbürger seine Wunschsumme überweisen - völlig ohne Prüfung.
Die Prioritäten dieser Politik sind vollkommen irrsinnig: Der Staat lässt sich von Algorithmen und 100-Seiten-KI-Schriftsätzen vorführen und lahmlegen - zwingt aber den fiebernden Arbeitnehmer am ersten Tag der Erkältung mit der metaphorischen Peitsche zum Hausarzt. Vielleicht sollten gewisse Volksvertreter, statt über etliche Bereiche der kritischen Infrastruktur zu sinnieren und die unsinnigsten Reformen zu disputieren, lieber wie bei der Rente die Selbige antreten - bevor sie aus purer Ignoranz dem Land den Genickschuss geben.